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Verantwortung statt Resignation und Bequemlichkeit

5. Internationales Kolloquium des »Theologisch-philosophischen Forschungsnetzwerks Emmanuel Levinas«

Vom 16. bis 18. Februar 2026 trafen sich Theolog*innen und Philosoph*innen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Tschechien in der Katholischen Akademie Schwerte zum 5. Internationalen Kolloquium des »Theologisch-philosophischen Forschungsnetzwerks Emmanuel Levinas«.

 

  • Der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas,1906 geboren in Litauen, lehrte nach Studium bei Edmund Husserl und Martin Heidegger in Paris an der Sorbonne und prägte bis zu seinem Tod 1995 Philosophen, wie Jacques Derrida, Jean-François Lyotard, Jean-Luc Marion u. a. Der abendländische Humanismus ist für Levinas angesichts der Unmenschlichkeiten des 20. Jahrhunderts (zwei Weltkriege, Nationalsozialismus, Stalinismus, Völkermord, Hiroshima, zuhöchst die Shoah, in der Levinas seine gesamte Familie verlor) diskreditiert. In den Vernichtungslagern seien nicht nur die Menschen ge­storben, zugrunde gegangen sei die humanistische Idee vom Menschen, der zu sich selbst befreit werden müsse. Die diesem Menschenbild zugrunde liegenden philosophischen Kategorien (Freiheit, Vernunft, Selbstbewusstsein) haben sich als untauglich erwiesen, Menschsein in seiner Individualität und Würde zu schützen. Zu dessen philosophischer Rettung entwickelt Levinas einen neuen Humanismus. Dieser setzt nicht an bei einem abstrakten Wesen des Menschen, sondern beim Anderen, der mich zur Verantwortung ruft. Levinas nennt ihn »Humanismus des anderen Menschen«. Er erlaubt es, auch an Gott denken zu dürfen, der mir den Anderen schon ans Herz gelegt, noch bevor ich ins Dasein getreten bin.

 

Das Netzwerk, das vor 10 Jahren auf Initiative von Dr. Ulrich Dickmann (Stv. Akademiedirektor) und Prof. Dr. Erwin Dirscherl (Universität Regensburg) zusammen mit Prof. Dr. René Dausner (Universitäten Hannover und Hildesheim) an der Katholischen Akademie Schwerte ins Leben gerufen wurde, bringt Lehrstuhlinhaber*innen der beiden Disziplinen zusammen, um die weltweite Levinas-Rezeption insbesondere innerhalb der europäischen Theologie und Philosophie zu stärken durch Nachwuchsförderung, internationale Tagungen und Publikationen von Forschungsbeiträgen. Erklärtes Ziel ist es, dadurch das Denken von Levinas in seiner Bedeutung insbesondere für die Systematische Theologie zur Geltung zu bringen und die Perspektivenvielfalt im wissenschaftlichen Diskurs zu stabilisieren. Das diesjährige Kolloquium zeigte das große Potenzial, das dieses Denken des Anderen und der universalen Verantwortlichkeit für den/die Anderen hat, um die Menschheit aufzuwecken, sich der Versuchung der Resignation angesichts der globalen Krisen entgegenzustellen.

Die in Paris lehrende Philosophin Prof. Dr. Corine Pelluchon, erstmals in Schwerte dabei, stellte ihre Rezeption des Denkens von Levinas in ihrem 2025 auf Deutsch erschienenen Buch »Levinas verstehen. Ein Philosoph für unsere Zeit« vor. Das Buch entstand als, wie sie formulierte, »Übung der Dankbarkeit« gegenüber Emmanuel Levinas aus ihrer Lehrtätigkeit im Rahmen von Seminaren insbes. für Pflegekräfte und Mediziner. Ihnen suchte sie das nicht leicht zugängliche Denken von Levinas nahezubringen anhand zentraler Begriffe (Verletzlichkeit, universale Verantwortung, Eingesetztheit/Substitution für den Anderen) und ihren Bedeutungen für das Arzt-Patienten-Verhältnis. Der fruchtbare Austausch über ihre Phänomendeutungen widmete sich dabei auch den politischen Dimensionen, die sich aus den Gedanken Levinas‘ ableiten lassen. So stellte Pelluchon dar, dass Levinas‘ Ansatz erhebliche Ressourcen bereitstelle, um das Bewusstsein für die drängenden Überlebensfragen der Menschheit von Ökologie, Tierwohl, Zukunft der Generationen bis zu den Menschenrechten zu schärfen und Neujustierungen vorzunehmen. Diskussion entspann sich um die Frage nach dem Stellenwert des Gottesbegriffs für Levinas‘ Denken. Dass er nicht vom Gottesbegriff ausgeht, ihn aber sehr wohl in der ethischen Szene von Ich und Anderem diskret ins Spiel kommen lässt (man darf an Gott denken, muss es aber nicht), macht sein Denken auch für atheistische Rezeptionen zugänglich. Hinsichtlich der Frage, wie nach dem Zivilisationsbruch der Shoah noch an moralischen Verpflichtungen festgehalten werden kann, ohne von der Moral genarrt zu werden, beunruhigt Levinas unser Denken und fordert es auf, wach zu bleiben aufgrund der Unmöglichkeit einer sich selbst begründenden, abschließenden Ethik. So wird Moral möglich, ohne zynisch zu werden.

Dies zeigte sich auch am dritten Tag, an dem die Teilnehmenden einen frühen, geradezu prophetischen Text von Levinas diskutierten: In dem Beitrag »Einige Betrachtungen zur Philosophie des Hitlerismus« demaskiert Levinas 1934 die Rassenlehre und Ideologie des Nationalsozialismus auf eine Weise, die für unsere heutige Zeit gerade angesichts des um sich greifenden Antisemitismus von höchster, trauriger Aktualität ist.

Über den aktuellen Stand eines großen Projekts des Netzwerks, das kurz vor dem Abschluss steht, informierten Prof. Dr. René Dausner, Prof. Dr. Jakub Sirovátka und Apl. Prof. Dr. Christian Rößner, die im renommierten Metzler-Verlag ein Handbuch herausgeben über Leben, Werk und Wirkung von Emmanuel Levinas. Es versammelt Beiträge zahlreicher internationaler Expert*innen einschließlich der Mitglieder des Netzwerks und soll noch 2026 erscheinen.

Ein Mitglied und Handbuch-Autor fehlte beim Kolloquium und hinterlässt eine schmerzliche Leerstelle – das Netzwerk gedachte in Trauer eines Mitglieds der ersten Stunde und wichtigen Motors der Levinas-Rezeption im deutschsprachigen Raum: Prof. Dr. Ludwig Wenzler, durch wissenschaftliche Veröffentlichungen und Übersetzungen von Levinas’ Werken bekannter Experte, 1990 bis 2002 Direktor der Katholischen Akademie in Freiburg i. Br., verstarb am 26. Januar im Alter von 87 Jahren.

(Text: Ulrich Dickmann)