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»Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.« (Dietrich Bonhoeffer)

Grußwort des Akademiedirektors zum Osterfest 2026

Liebe Besucherinnen und Besucher, liebe Freundinnen und Freunde unserer Akademie,

wenn ich in diesen Märztagen vor den Gartensaal unserer Akademie trete, zieht mich ein Anblick besonders an: der Magnolienbaum in voller Blüte. Noch vor kurzem wirkten seine Zweige kahl, fast spröde. Und nun steht er da – voller Leben, voller Verheißung, als hätte sich etwas Unaufhaltsames Bahn gebrochen.

Es ist ein leises Geschehen. Und doch spricht es eine deutliche Sprache.

»Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.« – Dieser bewegende Satz des Theologen Dietrich Bonhoeffer ist kein schneller Trost und erst recht keine billige Vertröstung. Er ist in einer Zeit größter Bedrängnis gesagt, im Angesicht von Gewalt, Unrecht und Tod. Bonhoeffer hat das am eigenen Leibe erlebt und durchlitten.  Gerade deshalb trägt er ein Gewicht, das uns auch heute erreicht.

Denn auch unsere Gegenwart ist von mannigfachen Spannungen und Erschütterungen geprägt – allein im Jahr 2026 hat die Zahl der Orte von Krieg und Gewalt, von Flucht und Vertreibung weltweit noch einmal drastisch zugenommen, gerade auch – tragischerweise – in den Ursprungsländern der drei abrahamitischen Religionen. Die Nachrichten werden bestimmt von schrecklichen Bildern des Leids, der Zerstörung, von Unfrieden und Unsicherheit. Vieles lässt uns fragen, ob das Leben wirklich trägt – oder ob nicht vielmehr die Kräfte des Zerfalls und des Todes überwiegen…

Und dann steht da dieser Magnolienbaum vor unserer Akademie: Er erklärt nichts. Er widerlegt keine Schlagzeilen. Aber er bezeugt etwas: dass Leben aufbricht, dass es sich nicht endgültig aufhalten lässt. Dass selbst dort, wo wir nur Kargheit sehen, eine verborgene Kraft am Werk ist.

In diesem Sinn wird die Magnolie zu einem österlichen Zeichen. Nicht, weil sie das Dunkel ausblendet, sondern weil sie ihm etwas entgegensetzt – still, aber beharrlich. Ihre Blüten erzählen davon, dass Anfang möglich ist. Dass das Leben mehr ist als das, was wir sehen.

Ostern selbst spricht genau davon: vom neuen Leben des am Karfreitag hingerichteten Jesus von Nazareth, von seiner Auferstehung von den Toten durch die Hand Gottes. Ostern ist kein Fest der schnellen und einfachen Antworten, sondern ein Fest der sich allmählich verwandelnden Perspektive. Es lädt uns ein, die Wirklichkeit auch des eigenen Lebens neu sehen zu lernen: nicht nur von ihrem Ende her, sondern von der Verheißung her, die in ihr liegt.

»Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.« – Vielleicht bedeutet dieses tiefe Wort: dass Verzweiflung nicht das letzte Wort behalten muss. Dass Hoffnung nicht aus der Abwesenheit von Leid wächst, sondern paradoxerweise mitten in ihm Gestalt gewinnt.

Unsere Akademie versteht sich als ein Ort, an dem solche Perspektiven Raum haben. Ein Ort des Denkens, des Gesprächs und der Auseinandersetzung, ein Ort des Betens und des Gottesdienstes – aber auch ein Ort, an dem das Vertrauen auf das Leben nicht vorschnell aufgegeben wird. Wo Fragen und Zweifel und auch Klage erlaubt sind, ohne dass die Hoffnung verloren gehen muss.

Der herrlich blühende Magnolienbaum ist in diesen Tagen ein stiller Begleiter dieser Haltung. Er lädt ein zum Innehalten – und vielleicht auch zum Weitersehen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in dieser Osterzeit solche Zeichen entdecken. Dass Sie sich berühren lassen von dem, was wächst. Und dass Sie – getragen von der österlichen Hoffnung – in diesen dunklen Zeiten das Licht nicht übersehen und den Mut nicht verlieren.

Zum Osterfest grüßt – auch im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Akademie - herzlich

Ihr

Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer

Akademiedirektor