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Religion und Gottesbilder in der zeitgenössischen Kunst

Tagungsbericht eines interdisziplinären Hochschulprojekts
Diskutierende Workshopteilnehmer

Diskutierende Workshopteilnehmer 

Die vom 23. bis 25. Januar 2015 veranstaltete Tagung zum Thema »Rolle und Identität – Gottesbilder in der zeitgenössischen Kunst« bildete den Auftakt zu einem interdisziplinären Hochschulprojekt der Katholischen Akademie Schwerte in Zusammenarbeit mit den Theologischen Lehrstühlen der TU Dortmund und der Universität Paderborn sowie dem Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln.

Unter der Leitung der Professorinnen Rita Burrichter (Paderborn), Claudia Gärtner (Dortmund) und Stefanie Lieb (Köln/Schwerte) kamen Studierende und Gastdozenten der Fächer Theologie, Religionspädagogik und Kunstgeschichte sowie Gäste aus dem Akademiepublikum zusammen und referierten und diskutierten über Fragestellungen einer heutigen Verortung religiöser Aspekte – und hier speziell der Darstellung von Gottesbildern – in der zeitgenössischen Kunst. In ihrer kurzen Einführung wies Stefanie Lieb noch unter dem Eindruck des schrecklichen Attentats in Paris auf das problematische Verhältnis zwischen Religion und Kunst in den Zeiten des »Bilderkriegs im 21. Jahrhundert« (Horst Bredekamp) hin, bei dem es so weit gehen kann, dass Karikaturisten von Fundamentalisten ermordet werden. In einer globalisierten Welt stelle sich die Frage nach religiösen Tabus, aber auch nach der künstlerischen Freiheit neu und müsse immer wieder hinterfragt und vermittelt werden.

Professor Dr. Josef Meyer zu Schlochtern (Theologische Fakultät Paderborn) berichtete über seine Erfahrungen mit der Video-Installation »Casting Jesus« des Künstlers Christian Jankowski, die er vor zwei Jahren in Paderborn präsentiert hatte. Daran schloss der Vortrag von Sabrine Biegel und Hannah Schreiber an, bei dem weitere Arbeiten von Christian Jankowski besonders unter dem Aspekt des Rollenspiels analysiert wurden. In der Abendeinheit wurde die Video-Installation »Casting Jesus« in der Kapelle vorgeführt, und es schloss sich eine angeregte Diskussion über den Stellenwert des dort vermittelten Jesusbildes an.

Der folgende Tag war durch drei Workshops von Rita Burrichter und Claudia Gärtner strukturiert, bei denen unter den Titeln »Menschenbild als Christusbild? Streit um die Darstellung des Undarstellbaren«, »Menschenbild statt Christusbild? Anthropologische und christologische Signaturen der Spätmoderne« und »Der Betrachter ist im Bild? Zeitgenössische Christus- und Gottesbilder in Vermittlungssituationen« die Teilnehmer der unterschiedlichen Fachrichtungen Aufgabenstellungen in Gruppenarbeit bearbeiteten. So lautete z. B. ein Arbeitsauftrag: »Sie sind Mitglied einer Kunst-Jury an einem der Lernorte Museum, Gemeinde, Schule. Wählen Sie für Ihren Lernort ein Kunstwerk aus den auf der Tagung vorgestellten Werken aus und begründen Sie Ihre Auswahl.« Trotz einiger anfänglicher methodologischer Differenzen zwischen Religionspädagogen und Kunsthistorikern ergaben sich im Laufe der Workshops vielversprechende gemeinsame Ansatzpunkte: Von Seiten der Theologie war man erfreut über die Vielfalt und Interpretationsmöglichkeiten zeitgenössischer Kunst um Hinblick auf religiöse bzw. spirituelle Fragestellungen, die Kunstwissenschaft wiederum war interessiert an der didaktischen Verarbeitung und praktischen Umsetzung künstlerischer Aussagen.

Bereichert wurden die Workshop-Einheiten durch Vorträge von Privatdozentin Susanne Kolter aus Münster (»Auch ein Rollenwechsel: Darstellungen des Gekreuzigten in der modernen und zeitgenössischen Kunst«), Antje Sterner und Christian Mertmann zu Joseph Beuys in seiner Rolle als »Priester« oder »Messias« sowie Katharina Neudeck zur Performance-Künstlerin Marina Abramoviç.

Mit einem Vortrag zur iranischen Künstlerin Shirin Neshat und ihrer Arbeit »Women of Allah«, den Stefanie Grace Müller und Laura Capalbo referierten, begann die letzte Tagungseinheit am Sonntag. In der Diskussion um die verschlüsselten Fotografien der Künstlerin, die islamische Kultur und Religion mit Symbolen des Dschihad verbindet, wurde klar, wie stark unsere Perspektive auf die andere, fremde Religion Islam durch westlich geprägte Vorurteile und Feindbilder verstellt ist. Gerade mit diesen Vorurteilen spielt Shirin Neshat und will sie durch ikonografische Parallelen zum Christentum, wie die Bezugnahme auf eine Pietà oder eine Märtyrerdarstellung, aufbrechen.

Den Künstler und Maler Thomas Jessen, der in der Akademie ab dem 22. Februar 2015 seine großformatigen und vielschichtigen Porträtbilder ausstellen wird, stellte Sabine Halver vor, indem sie besonders auf Jessens Bischofsgalerie im Münchner Erzbischöflichen Palais und die Bilderserie »Kreuztracht« mit Porträts von Neupriestern hinwies. Jessens Porträtkunst stellt den Menschen unprätentiös und in seinem existentiellen Verhältnis zu Gott dar.

Den Abschluss der Tagung bildete ein Vortrag von Charlotte Sophie Pletz und Claire Wellershaus über einen der momentan bekanntesten deutschen Künstler: Gregor Schneider. Schneider widmet sich in seinem künstlerischen Werk der Konstruktion von Räumen, die für den Menschen relevante Atmosphären und Zustände beinhalten: Erinnerungen, Sehnsüchte, existentielle und spirituelle Erfahrungen. Sein »Sterberaum« ist der Nachbau eines Zimmers der Krefelder Villa Haus Eesters des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Platzierbar in jedem Museum, kann so die Atmosphäre des Sterbens und des Todes öffentlich ausgestellt werden. Für den Künstler wäre mit diesem Tabubruch auch der Schrecken des Todes genommen. Die Abschlussdiskussion ging dann von dieser Fragestellung einer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Thematik des Todes aus und fand Vorbilder in der Tradition von Totentanz und Vanitas-Darstellungen.

In der Rückschau wurde diese Tagung als ein erster Schritt zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Theologie und Kunstwissenschaft im Hinblick auf das Wechselspiel »Religion und zeitgenössische Kunst« als sehr ertragreich gewertet. Eine Fortsetzung ist geplant. (li)