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– Kirche und Gesellschaft

Jedes Leben zählt

von Akademiedirektor Prälat Dr. Peter Klasvogt
 Peter Klasvogt

 

»Kommst Du mit? Wir gehen demonstrieren.« – »Wogegen denn?« – »Falsche Frage: Wofür! Für das Leben. Jedes Leben zählt. Black Lives Matters!« Ich fand das gut: zum einen, dass unsere jungen Kollegen und Kolleginnen für eine gute Sache auf die Straße gehen wollten; und zum anderen, dass sie mich gefragt hatten, ob ich mitkomme. Es gehe darum, ein Zeichen zu setzen, dass jedes Leben wertvoll ist, egal welcher Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht, religiösen Bekenntnisses oder ethnischer Herkunft.

Die Bilder von Tod des Afroamerikaners George Floyd, der durch einen brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis ums Leben kam, hatten mich sehr erschüttert. Ich habe dort wenige Jahre zuvor einige Zeit gelebt, im Pfarrhaus der Saint Olaf Catholic Church, und erinnere mich, wie selbstverständlich wir dort miteinander gebetet und gearbeitet, gefeiert und gelacht haben. Ich denke an unsere afroamerikanischen Sängerin im Gottesdienst, die indisch stämmigen Ministranten, unseren afroamerikanischen Finanzchef ... Father Patrick, der Pfarrer der Gemeinde, berichtete von der großen Solidarität in diesen Tagen und von dem Engagement, mit dem sich die Gemeindemitglieder für Menschen aller Hautfarben einsetzen. Nicht nur schwarzes, jedes Leben zählt - auch das Leben der Obdachlosen, die nebenan untergebracht und versorgt werden; auch das Leben von armen, meist afroamerikanischen Familien, deren Häuser in einer große angelegten Gemeindeaktion repariert werden (Habitat for Humanity); auch das Leben der Kinder von Immigranten in der Risen Christ School, zu 80% Latinos, die nicht nur schulisch, sondern ganzheitlich gefördert und auf das Leben vorbereitet werden.

Jedes Leben zählt, und nicht nur ein bisschen, sondern ganz, voll umfänglich. Auch hier bei uns, und ich habe den Eindruck: Da ist noch einiges zu tun, auch dann, wenn die starken Bilder der Proteste wieder in den Hintergrund rücken. Die Verpflichtung bleibt, dass wirklich jedes Leben zählt. »Was ist er Mensch, Gott, dass du an ihn denkst«, geht mir ein Psalmvers nicht aus dem Sinn. »Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.« (Psalm 8) Jeder Mensch, gleich welcher Identität: ein Ebenbild Gottes. Jedes Kind, das geboren wird, ein Gottesgeschenk. Wer sind wir, dass wir Unterschiede machen?!

Frühere Beiträge:

17.05.2020: Kolumne der Zuversicht

»Machen Sie’s gut, und bleiben Sie zuversichtlich!« Ein wohlmeinender, bestärkender Gruß, mit dem Ingo Zamperoni jeden Abend die Fernsehnation in die Nacht entlässt. Zuversicht: das ist mehr als der nüchtern-rationale Appell: Halten Sie durch!, mehr auch als die kämpferisch-auflehnende Unmutsäußerung: Jetzt reicht’s!, weitaus mehr als das fatalistisch-apathische Achselzucken: Was kann man da schon machen ... – Jede dieser Haltungen ist verständlich: Die täglichen Infektions- und Mortalitätszahlen, die Reproduktionsrate (R), die Warten auf die Corona-App  … all das bestimmt weithin unser Leben, und uns bleibt nichts anderes übrig, als möglichst »heil« durch die Krise zu kommen. Und ja, je länger die Krise dauert, desto ungeduldiger werden wir, erst recht, wenn die berufliche Existenz auf dem Spiel steht oder die Nerven blank liegen ob der Enge und der Doppel- und Dreifachbelastung; wenn Beschränkungen teilweise gelockert werden, man selber aber noch vom Shutdown betroffen ist; wenn man seine ganze Hilflosigkeit spürt, voneinander getrennt zu sein, erst recht die Ohnmacht, wenn auch die beste Intensivmedizin nicht jedes Leben retten kann.

Ungeduld, Ärger, Auflehnung, Neid, Fatalismus … – eine ganze Palette an Gefühlsregungen zeigt sich da, und jede dieser Stimmungen ist für sich genommen verständlich – hilft aber im Moment nicht weiter. Wie kann man da »zuversichtlich« sein? Zuversicht, so der Duden, meint »festes Vertrauen auf eine positive Entwicklung in der Zukunft, auf die Erfüllung bestimmter Wünsche und Hoffnungen«. Das hört sich gut an; aber momentan erleben wir, dass wir nur »auf Sicht« fahren, dass uns die Übersicht fehlt, der große Durchblick versperrt ist. Woher also nehmen wir diese Zuversicht, die positive Sicht auf die Zukunft, das Vertrauen, dass am Ende doch alles gut wird?

Psychologen und Managementtrainer sprechen häufig von »Resilienz«: jener Kraft, die in uns steckt, mit der man es vom Boden wieder auf die Beine schafft. Die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und Schicksalsschlägen besser und schneller standzuhalten. Da mag es hilfreich sein, sich daran zu erinnern, dass man schon andere schwierige Zeiten durchgestanden hat; und uns mag beflügeln, dass andere uns zutrauen, dass wir die Probleme lösen können und die Herausforderungen meistern werden.

Wenn von Zuversicht die Rede ist, dann klingt da die urtümliche Bedeutung mit: »sich zu jemandem versehen«, was so viel bedeutet wie »auf jemanden vertrauen«. Das mag uns ermutigen, nicht ängstlich die Augen vor der Zukunft zu verschließen, sondern genauer hinzuschauen und in dem Undurchsichtigen und Unübersichtlichen bereits erkennen, wem man in all dem Ungemach vertrauen kann. Vielleicht gerade so, wie es Menschen schon immer getan haben, wenn sie betend in ihre Not hineinfragen: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?«, und die schon im Sprechen bereits die Antwort erahnen: »Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat«.  Auch dann müssen wir tapfer und vorsichtig tastend vorangehen, aber doch mit einem Grundgefühl der Gottverbundenheit. In diesem Sinn: »Machen Sie’s gut, und bleiben Sie zuversichtlich